Oktober 1949
Sinn und Unsinn beim Medizinstudium
Es ist allgemein bekannt, dass wir in Kürze einen Überschuss von 30000 Ärzten haben werden und dass sich nicht nur diese, sondern auch weite Kreise der Öffentlichkeit ernste Sorgen machen, was daraus werden soll. Trotzdem bleibt der Andrang zum Medizinstudium nach wie vor so groß, dass alle Studienplätze ständig besetzt sind. Einer Abwanderung der überzähligen Ärzte ins Ausland stehen fast unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege. Es muss also eine Inlandregelung gefunden werden. Die Nationalisierung des Gesundheitswesens nach dem Muster Englands wäre eine sinnvolle Lösung und würde sofort alle Schwierigkeiten beseitigen. Ihr stehen aber die Interessen kleiner, mächtigen Gruppen entgegen, welche auf veraltete Methoden zurückgreifen wollen, die eigentlich überwunden sein müssten. Ihr Vorschlag lautet: Drossellung oder gar Verbot des Medizinstudiums! Sie legen zwei Berechnungen zugrunde: jährlich sterben etwa 700 Ärzte; wenn also jährlich nur 700 Schüler zum Studium zugelassen werden, d.h. pro Universität etwa 30, dann kann es keinen Überschuss geben. Aber einmal gibt es keine Methode nach welcher aus einer großen Zahl von Bewerbern gerade die 30 herausgefunden werden können, welche berufene Ärzte sind. Und dann wären trotzdem die 30000 jetzt Überzähligen noch nicht versorgt .Mann schlägt daher weiter vor, das Medizinstudium gänzlich zu sperren, bis der Überschuss restlos aufgesaugt ist, also für etwa 40 Jahre!
Bei beiden Vorschlägen handelt es sich um Gewaltmethoden, welche von jedem, der die Folgen einer Politik der Gewalt erlebt hat, schon deshalb grundsätzlich abgelehnt werden müsste. Beide Methoden sind aber auch völlig unsinnig, weil sie einen bestehenden schwierigen Zustand durch einen noch schwierigeren ersetzen würden. Die 30 ausgewählten Studenten werden vermutlich solche sein, die sich durch Schliche oder Beziehungen vorzudrängen verstanden, die bei solcher Veranlagung also später jene Geschäftsmediziner abgeben, welche den Ärztestand in den Augen des Volkes so herabgesetzt haben. Dann würden in absehbarer Zeit die Kranken größte Mühe haben, einen wahren Arzt zu finden. Eine völlige Sperrung des Studiums würde die medizinischen Fakultäten lahm legen und damit nicht nur den Nachwuchs an Professoren unterbinden, sondern auch die deutsche Forschung aus dem Wettbewerb mit dem Ausland ausschalten, was wiederum zum Nachteil der Kranken sein würde. Neben der Erbitterung der Abiturienten, denen ein Weg zu geistigem Fortschritt versperrt wird, muss auch mit der Enttäuschung der Eltern gerechnet werden, die sich um das Berufsglück ihrer Kinder betrogen sehen. Jetzt betrifft die Not 30000 Ärzte, dann aber wird sie Millionen von Kranken, Eltern und Schüler betreffen.